Herr Professor Deller, während Deutschland immer älter wird, kommen viele Flüchtlinge zu uns, die in ihrem Heimatland studiert oder eine Ausbildung gemacht haben. Trotzdem klagen Unternehmen über einen Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?

„Im Moment passt es nicht so gut zusammen. Und das liegt nicht daran, dass die Flüchtlinge, die hier ankommen, nicht gut vorbereitet wären. Es liegt vor allem daran, dass sie genau die Kompetenzen, die sie für den Arbeitsmarkt in Deutschland brauchen, nicht haben. Ganz wenige haben sie und die werden auch sofort in den Arbeitsmarkt integriert, wie beispielsweise Ärzte aus Syrien, aber viele haben sie eben nicht. Wir brauchen einen Prozess, der es den Flüchtlingen ermöglicht, die Kompetenzen zu erwerben, die sie brauchen, um uns im Arbeitsmarkt zu unterstützen.”

Und Sie können jetzt sagen, wie wir diejenigen in den Arbeitsmarkt integrieren, die diese Kompetenzen nicht mitbringen?

„Wir können jetzt sagen, welche Schritte notwendig sind, um eine zügige Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das bedeutet, dass wir Dinge in Deutschland ändern müssen und stärker auf das eingehen müssen, was die Flüchtlinge mitbringen.”

Wie genau stellen Sie sich das vor?

„Ich glaube, wir müssen viel kleinteiliger werden in unseren Vorstellungen, welche Kompetenzen einen Lehrberuf ausmachen. Wir gehen davon aus, dass man zwei, drei oder dreieinhalb Jahre braucht, um einen Lehrberuf zu beherrschen. Ich glaube, ein Schritt den wir hier brauchen, ist, dass wir viel kleinere Kompetenzteile, die erworben sind, schon zertifizieren, um den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Das bedeutet: Wir müssen mit der Politik, mit den Kammern, wir müssen mit den Verbänden reden, damit wir genau diese kleinteiligeren Kompetenzbeschreibungen hinbekommen, die Menschen die Chance geben, sich leichter in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist eins der Kernelemente, die wir aus der Studie für uns mitnehmen.”

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Jürgen Deller im Interview

Frau Titzrath, Sie haben die Projektleitung seitens des Goinger Kreises übernommen. Warum haben Sie sich dazu entschieden, an diesem Projekt mitzuarbeiten?

„Es geht nicht nur um die Aufnahme und die humanitäre Hilfe, das Auffangen von Geflüchteten in Deutschland, sondern natürlich im zweiten Schritt um die Integration. Und Integration bedeutet neben Sprache, neben der Kultur, eben auch die Arbeitsmarktintegration. Ich glaube, das war eine relativ schnelle Entscheidung und eine ganz hohe Motivation von allen Beteiligen, dass wir dieses Thema nicht nur als wichtig empfinden, sondern dass wir auch handeln wollen, um so handlungsleitend Ergebnisse zu haben.”

Warum ist es wichtig, die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

„Das hat etwas damit zu tun, dass wir daran glauben, dass Menschen, die in Arbeit sind,  eine Wertschätzung erfahren und natürlich auch ein aktiver Teil der Gesellschaft sind. Wenn Sie mit Flüchtlingen sprechen, werden Sie auch hören, dass sie gleichwertig behandelt werden wollen und auch zurück geben. Was gibt es schöneres, auf die lange Zukunft betrachtet, dass eben Geflüchtete ein integrierter Teil der Gesellschaft sind, das Steuern zahlt, das Wertbeiträge leistet und vielleicht auch uns in unseren Unternehmungen hilft, Probleme zu lösen, die in Richtung Fachkräftemangel gehen und die in Fragen rund um den demographischen Wandel gehen. Ich finde, eine große Win-win-Situation.”

Nun stelle ich mir das Ganze schon ziemlich aufwendig vor: Neben Sprachproblemen und kulturellen Unterschieden kostet es Zeit und Geld, Flüchtlinge in einem Unternehmen zu beschäftigen. Gibt es nicht auch viele Deutsche, die diese Kompetenzen mitbringen?

„Es geht nicht die deutschen Arbeitskräfte versus die geflüchteten Arbeitskräfte, sondern es ist ganz eindeutig aus Unternehmenssicht ein sowohl als auch. Wir haben Bedarf: Wir haben freie Ausbildungsstellen, wir haben Bedarf in Berufen der Gesundheitsbranche, aber auch in einigen Teilen der Logistik. Und darum geht es aus Unternehmenssicht, Geflüchtete zu gleichwertigen Mitbürgern in Deutschland zu machen, über die Arbeitsmarktintegration in den Unternehmen. Das sollte der Fokus sein, der das dann auch zum Erfolg bringen wird.”

Angela Titzrath im Interview.

Herr Deller, wenn ich als kleines oder mittelständiges Unternehmen jetzt auch Flüchtlinge einstellen möchte, was geben Sie mir mit auf den Weg?

„Auf der Website stehen für mittelständische Unternehmen die sieben Schritte die ich brauche. Dazu gehört, dass ich mich auf Menschen einstelle, dass ich Menschen in der Organisation, in ihrer Einzigartigkeit, aber auch in ihrer Unterschiedlichkeit begleite, dass ich Menschen, die aus dem Ausland kommen mit Menschen, die hier schon länger leben zusammen bringe, damit sie sich gemeinsam kennenlernen und Vorurteile erst gar nicht entstehen. Dazu gehört auch, dass ich mir klare Ziele setze: Was möchte ich erreichen? Und, dass ich auch klar Abbruchkriterien für mich habe: Was bin ich nicht mehr bereit, als Organisation zu tun und zu unterstützen? Alle diese Punkte findet man bei uns auf der Website, die kann man sich herunterladen. Und natürlich kann man uns auch jederzeit ansprechen.”

* Einzelne Töne dürfen nach vorheriger Absprache gern für Radiobeiträge genutzt werden. Wenden Sie sich dazu an: Sira Thierij, arbeit.integration.gefluechtete@leuphana.de

Arbeitsintegration Geflüchtete ist ein Kooperationsprojekt des Goinger Kreises e.V. und der Leuphana Universität Lüneburg.

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